Wie lassen sich Lagerbestände besser planen, Tierversuche reduzieren oder Fehler künstlicher Intelligenz erkennen? Wie können Menschen ihren Augendruck zu Hause messen, Handwerksbetriebe schneller Angebote erstellen und erdölbasierte Klebstoffe ersetzen?
Die nominierten Startups im Finale des Bayerischen Businessplan Wettbewerbs setzen bei sehr unterschiedlichen Herausforderungen an. Was sie verbindet: Ihre Lösungen entstehen nicht aus abstrakten Zukunftsvisionen, sondern aus konkreten Problemen in Forschung, Medizin, Industrie und betrieblicher Praxis.
Wir stellen die Finalteams und ihre Geschäftsideen vor.
ailusive aus Erlangen: KI-Halluzinationen erkennen, bevor sie Schaden verursachen
Generative KI kann Antworten formulieren, die überzeugend klingen und trotzdem falsch sind. Solche sogenannten KI-Halluzinationen werden besonders dann zum Risiko, wenn künstliche Intelligenz in sensiblen Bereichen eingesetzt wird.
ailusive entwickelt eine Lösung, die diese Fehler sichtbar machen soll. Der erste Schwerpunkt liegt auf medizinischen Anwendungen und auf Softwareherstellern, die KI in Medizinprodukten einsetzen.
Der Ausgangspunkt war ein Digitalisierungsprojekt für die deutsche Verwaltung. Dort wurde eine rechtssichere Methode gesucht, mit der sich KI-Fehler zuverlässig erkennen lassen. Eine passende Lösung war nach Einschätzung des Teams am Markt nicht verfügbar.
Im weiteren Verlauf konzentrierte sich ailusive bewusst auf die Halluzinationserkennung im HealthTech-Bereich. Die Arbeit an Normen rund um den europäischen AI Act bestärkte das Team darin, an einer technischen und regulatorisch belastbaren Lösung zu arbeiten.
Die Gründungsreise fasst ailusive in einem Wort zusammen: „Achterbahn.“
Calcutron aus Bamberg: Mit KI schneller vom Leistungsverzeichnis zum Angebot
Für Handwerksbetriebe kann die Erstellung eines Angebots mehrere Arbeitstage beanspruchen. Umfangreiche Leistungsverzeichnisse müssen geprüft, passende Produkte gefunden und Preise kalkuliert werden. In Zeiten des Fachkräftemangels fehlen dafür häufig Zeit und Personal.
Calcutron entwickelt eine KI-gestützte Software, die Betriebe bei diesen Aufgaben unterstützt. Das System liest Ausschreibungen, sucht passende Produkte in Herstellerkatalogen und bereitet die Kalkulation vor. Die Entscheidung bleibt dabei beim Menschen.
Nach Angaben des Teams kann sich der Aufwand für die Angebotserstellung dadurch von rund 25 auf etwa fünf Stunden reduzieren.
Die Lösung basiert auf mehr als 30 Jahren Erfahrung mit Leistungsverzeichnissen für technische Infrastruktur. Calcutron wurde zunächst im eigenen Betrieb eingesetzt und dort unter realen Bedingungen erprobt. Das Team ist damit, wie es selbst formuliert, sein „eigener, kritischster Kunde“.
Ein zentraler Punkt ist die Verlässlichkeit: Ergebnisse der KI werden mit realen Katalogdaten abgeglichen, statt ungeprüft übernommen zu werden.
Eberlein Health aus Forchheim: Augendruckmessung für zu Hause
Blutdruckmessgeräte gehören für viele Menschen selbstverständlich zum Alltag. Für die regelmäßige Messung des Augendrucks zu Hause gibt es dagegen bislang nur wenige, häufig invasive oder kostenintensive Möglichkeiten.
Eberlein Health arbeitet an einem erschwinglichen, nichtinvasiven Messgerät für Glaukompatientinnen und Glaukompatienten. Die Messwerte sollen digital erfasst und für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte aufbereitet werden.
Die Idee entstand im direkten Austausch mit Betroffenen. Nach Angaben des Teams treten bei vielen Patientinnen und Patienten die höchsten Augendruckwerte außerhalb der üblichen Sprechzeiten auf. Einzelne Messungen in der Praxis können solche Spitzen daher übersehen.
Das Startup will Patientinnen und Patienten mehr Einblick in den Verlauf ihrer Erkrankung geben und gleichzeitig eine engere medizinische Begleitung ermöglichen. Klinische Partner in Deutschland und den USA unterstützen die Entwicklung und bestätigen aus Sicht des Teams den Bedarf an einer solchen Lösung.
LIGARO aus Ornbau im Landkreis Ansbach: Nachhaltiger Industrieklebstoff aus pflanzlichen Reststoffen
Am Anfang stand der Plan, ein Surfboard vollständig aus natürlichen Materialien zu bauen. Dabei stieß das Team auf ein Problem: Es fehlte ein Klebstoff, der gleichzeitig nachhaltig, schadstofffrei und wasserfest ist.
Aus dieser Suche entstand LIGARO. Das Startup entwickelt einen leistungsfähigen Klebstoff aus pflanzlichen Reststoffen, der erdölbasierte und potenziell schädliche Klebstoffe in Holzprodukten ersetzen soll.
Mögliche Einsatzbereiche reichen von Spanplatten und Möbeln bis zu Parkett und Dämmstoffen. Erste Gespräche mit Unternehmen aus der Holzverarbeitung zeigten dem Team, dass die Branche Interesse an Alternativen hat. Eine Frage fiel dabei besonders häufig: „Wann kann ich den Klebstoff testen?“
Das mehrheitlich weibliche Team verbindet Kompetenzen aus Holzingenieurwesen, Chemie, Life Sciences und Strategieberatung. Seine langfristige Vision: LIGARO-Klebstoff soll eines Tages in einem großen Teil der europäischen Gebäude zu finden sein.
SOLISTIQ aus Würzburg: Ein digitaler Kollege für die Bestandsplanung
Die richtige Ware zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Was einfach klingt, ist für Unternehmen mit großen Lagerbeständen eine komplexe Aufgabe. Zu hohe Bestände binden Kapital, während fehlende Produkte Umsatz und Kundenvertrauen kosten können.
SOLISTIQ entwickelt eine KI-Lösung, die Nachfrage prognostiziert und Unternehmen Vorschläge macht, wann welche Produkte in welcher Menge nachbestellt werden sollten. Das Team beschreibt seine Technologie als digitalen Kollegen für die Bestandsplanung, der einen großen Teil der regelmäßig anfallenden Entscheidungen automatisieren kann.
Die Idee entstand aus der Forschung an der Universität Würzburg. Dort beschäftigte sich das Team intensiv mit künstlicher Intelligenz für Zeitreihenprognosen und der Frage, wie sich geeignete Prognosemodelle effizient auf eine große Zahl unterschiedlicher Produkte übertragen lassen. Der Zuspruch aus der Wirtschaft gab den Ausschlag für die Gründung: Inzwischen arbeitet SOLISTIQ nach eigenen Angaben mit mehr als 15 Pilotpartnern zusammen.
TigerShark Science aus Würzburg: Menschliche Hautmodelle statt Tierversuche
TigerShark Science züchtet menschliche Haut im Labor. Die entwickelten Hautmodelle sollen Pharma- und Kosmetikunternehmen ermöglichen, neue Wirkstoffe und Produkte an menschlichem Gewebe zu testen.
Damit verfolgt das Startup zwei Ziele: Tierversuche sollen reduziert und Forschungsergebnisse gleichzeitig aussagekräftiger werden. Denn bestehende Modelle bilden die Eigenschaften menschlicher Haut aus Sicht des Teams häufig nur unzureichend ab.
Aus einem Forschungsprojekt wurde eine Geschäftsidee, als erste Industriepartner die Modelle testen wollten. Für das Team war das ein wichtiges Signal: Der Bedarf besteht nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im Markt.
Die Gründerinnen und Gründer arbeiten bereits seit mehr als zehn Jahren zusammen. Wissenschaftliche Expertise verbinden sie mit dem gemeinsamen Ziel, Forschung nachhaltiger und menschlicher zu gestalten. Und auch ein persönliches Detail verrät der Fragebogen: Im Team wird besonders häufig über „Star Trek“ diskutiert.
UroPro aus Erlangen: Eine minimalinvasive Lösung bei Belastungsharninkontinenz
Belastungsharninkontinenz betrifft Millionen Menschen. Bei Husten, Lachen, körperlicher Belastung oder Sport kann es zu ungewolltem Urinverlust kommen. Für Betroffene bedeutet das häufig eine deutliche Einschränkung im Alltag.
UroPro entwickelt einen minimalinvasiven Schließmuskel-Ersatz. Das unsichtbare Implantat soll die Kontinenz sichern und gleichzeitig eine intuitive Entleerung der Harnblase ermöglichen, ohne dass das System aktiv gesteuert werden muss.
Der Impuls für die Entwicklung entstand bei einem Vortrag auf einer urologischen Konferenz. Dort wurde deutlich, wie invasiv bestehende chirurgische Therapien sein können und dass eine weniger belastende Alternative fehlt.
Auf dem Weg zum Medizinprodukt beschäftigt sich das Team insbesondere mit regulatorischen Anforderungen, langen Entwicklungszeiten und den Kosten bis zur Markteinführung. Unterstützt wird UroPro dabei von klinischen und regionalen Partnern. Die Vision des Teams ist klar: Eine minimalinvasive Technologie soll Betroffenen wieder mehr Freiheit und ein aktives Leben ermöglichen.
WerkUp aus Ansbach: Weniger Büroarbeit für Handwerksbetriebe
Ob Kundenverwaltung, Angebotserstellung, Einsatzplanung oder Baustellendokumentation: In Handwerksbetrieben laufen täglich zahlreiche organisatorische Prozesse zusammen. Viele dieser Aufgaben kosten Zeit, die dann im eigentlichen Kerngeschäft fehlt.
WerkUp entwickelt eine KI-native All-in-One-Software, die zentrale Abläufe eines Handwerksbetriebs in einer Plattform bündelt. Dazu gehören Kundenverwaltung, Angebotserstellung, Einsatzplanung, Zeiterfassung und die Dokumentation auf der Baustelle.
Ein integrierter KI-Assistent soll wiederkehrende Aufgaben automatisieren und den Verwaltungsaufwand reduzieren. Statt mehrere Einzellösungen zu nutzen, erhalten Betriebe damit eine zentrale digitale Arbeitsumgebung für Büro und Baustelle.
Das Ziel von WerkUp: Handwerksbetriebe im Alltag entlasten und ihnen mehr Zeit für ihre Kunden, Projekte und das eigentliche Handwerk geben.
Von der Forschung und Praxis zum skalierbaren Geschäftsmodell
Die acht nominierten Startups zeigen, wie unterschiedlich der Ausgangspunkt einer Gründung sein kann. Bei einigen Teams begann die Reise mit wissenschaftlicher Forschung, bei anderen mit Erfahrungen aus Klinik, Handwerk oder Industrie.
Entscheidend war jeweils der Schritt aus der Idee in die Anwendung: erste Pilotkunden, Industriepartner, klinische Kooperationen, Laborergebnisse oder der Einsatz der eigenen Technologie im betrieblichen Alltag.
Im Finale des Bayerischen Businessplan Wettbewerbs treffen damit acht Teams aufeinander, die nicht nur technologische Lösungen entwickeln. Sie arbeiten an Geschäftsmodellen, die konkrete Probleme adressieren und das Potenzial haben, bestehende Märkte und Arbeitsweisen zu verändern.
Die Finalteams im Überblick
- ailusive: Erkennung von KI-Halluzinationen in sensiblen Anwendungen
- Calcutron: KI-gestützte Angebotserstellung für das Handwerk
- Eberlein Health: nichtinvasive Augendruckmessung für zu Hause
- LIGARO: nachhaltige Industrieklebstoffe aus pflanzlichen Reststoffen
- SOLISTIQ: KI für Nachfrageprognosen und Bestandsplanung
- TigerShark Science: menschliche Hautmodelle für Pharma und Kosmetik
- UroPro: minimalinvasives Implantat bei Belastungsharninkontinenz
- WerkUp: KI-gestützte All-in-One-Software für die Verwaltung von Handwerksbetrieben