Key Learnings aus der Corona Krise

Ein Gastbeitrag von Alex von Frankenberg, Managing Partner des High-Tech Gründerfonds.

Letztlich hat uns die Corona Krise völlig unvorbereitet getroffen.

Die wenigen Hinweise, die es gab, wie die mittlerweile berühmte Rede von Bill Gates oder zahlreiche Hollywood Filme zu Pandemien wurden letztlich nicht ernst genommen. Selbst als in Wuhan die Eingangstüren von Wohnblöcken zugeschweißt wurden, wurde hier milde über das diktatorische chinesische System gelächelt.

Auch als Mitte Februar die ersten Supermärkte in Italien leergekauft und die ersten Intensivstationen überfüllt waren, hörte man im feuchtfröhlichen Karneval den – meiner Ansicht nach dümmsten Satz des jungen Jahrzehnts – „Es ist ja nur eine Grippe“.

Noch unklar sind viele Daten der Pandemie, fest steht die Reaktion vieler Regierungen: Shutdown, das heißt ein gleichzeitiger Angebots- und Nachfrageschock.

Viele Unternehmen stehen still und sehr viele Menschen in Deutschland können nicht mehr oder nur eingeschränkt arbeiten. Die Quote der Kurzarbeiter ist auf 30% der Erwerbstätigen hochgeschnellt mit entsprechenden Einkommens- und Nachfrageverlusten. Aus heiterem Himmel landetet mitten in der Gesellschaft der berühmte Schwarze Schwan. Und anders als in der Finanzkrise 2008/2009 können staatliche Programme wie Konjunkturprogramme, Zuschüsse, Kredite oder eine ultralockere Geldpolitik lediglich wie ein Pflaster eine starke Blutung reduzieren, heilen können sie die Verletzungen, die das Virus in der Wirtschaft anrichtet, nicht. Die Ansteckungsgefahr des Virus wird durch Gelddrucken nicht verändert. Staatliche Hilfe kann allerdings verhindern, dass der Patient „Wirtschaft“ verblutet. Auch kann staatliche Hilfe Eigeninitiative nicht ersetzen, sondern lediglich unterstützen.

Alex von Frankenberg, HTGF
Alex von Frankenberg, Managing Partner des High-Tech Gründerfonds

Der High-Tech Gründerfonds ist von der Krise auf zwei Ebenen betroffen

Zum einen die Management Gesellschaft selber mit ihren rund 70 Mitarbeiter*innen, zum anderen das Portfolio von aktuell 305 Unternehmen. Ende Februar haben wir einen 3-Stufen-Plan entwickelt und am 12. März nach einem positiven Fall im Team dessen 3. Stufe aktiviert: Alle Kolleg*innen arbeiteten von zu Hause und wir haben sämtliche Dienstreisen eingestellt. Ziel war es die Gesundheit aller zu schützen und den Fonds arbeitsfähig zu halten. Beides gelang. Durch eine leistungsfähige IT Infrastruktur und eine schnelle Anpassung unserer Arbeitsweise konnten wir ohne Verzögerung weiterarbeiten. So haben wir mittlerweile drei Investment Komiteesitzungen, eine Beiratsitzung des Fonds und ein Treffen vermögender Privatinvestoren online via Microsoft Teams durchgeführt. Den für den 26./27. Mai geplanten Family Day führen wir am 26. Mai als online Veranstaltung durch und planen den Hauptevent für den 5./6. Oktober im Kameha in Bonn.

Die Auswirkungen im Portfolio waren sehr unterschiedlich

Nicht wenige Unternehmen profitieren von der Krise: Digitalisierung beschleunigt sich, Umsätze verlagern sich noch schneller von Offline zu Online. IT Security wird noch wichtiger und eine Vermittlungsplattform für 3D Druck profitiert von unterbrochenen Lieferketten. Viele Unternehmen, vor allem diejenigen, die zuletzt ein sehr umfangreiches Fundraising gelungen war insbesondere Life Science Unternehmen, die ohnehin keine Umsätze geplant haben, sind kaum betroffen. Gut die Hälfte der Unternehmen allerdings leidet unter der Corona Krise: Umsätze brechen weg, vor allem im Reise- und Touristik Bereich, Finanzierungszusagen werden zurückgezogen und Exit-Prozesse werden auf der Zielgeraden gestoppt.

Zunächst waren zwei Punkte entscheidend: Zum einen Ruhe bewahren und die Situation verstehen: Ist mein Unternehmen überhaupt betroffen, in welcher Form und wie sehr? Zum anderen – und das ist der entscheidende Punkt – wie sieht die Liquidität des Unternehmens aus, wann droht das Geld auszugehen? Wie in jeder Krise gilt: Cash is King. Ist ein Unternehmen nicht mehr in der Lage, seine Verpflichtungen zu erfüllen, verliert es seine Existenzberechtigung, es geht normalerweise insolvent. Aktuell gibt es durch die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht im Rahmen der Krise eine gewisse Schonfrist. Wie in normalen Zeiten auch gibt es drei Möglichkeiten, die Liquidität zu sichern:

  • Umsätze oder zumindest Anzahlungen zu generieren
  • Kosten reduzieren und
  • Fundraising

Auch wenn Umsätze wegbrechen kann es eine Reihe von Möglichkeiten geben, dies zu kompensieren: Man kann versuchen, Umsätze oder Anzahlungen vorzuziehen. Insbesondere bei wiederkehrenden Umsätzen gelingt es immer wieder beispielsweise 3-Jahres-Verträge abzuschließen und diese vollständig vorab in Rechnung zu stellen. Die hohe Kunst des Vertriebs ist es, den persönlichen Vertrieb vor Ort auf Online Vertrieb umzustellen. Falls es gelingt, ein erklärungsbedürftiges komplexes Produkt nicht mehr durch einen Vorort Termin, sondern via Videokonferenz zu verkaufen, kann man gleichzeitig seine Vertriebsproduktivität um ein Vielfaches erhöhen – auch nach der Krise.

Egal wie gut ein Unternehmen geführt ist, es gibt immer Kosten, die man reduzieren kann, ohne dass es die Leistungsfähigkeit merkbar einschränkt. Erfahrene Unternehmensberater nennen Werte zwischen 10 und 20%. Der größte Kostenblock ist regelmäßig Personalkosten. Kurzfristig hilft hier die Möglichkeit, über Kurzarbeit die Lohnkosten zu senken ohne wertvolle Mitarbeiter*innen zu verlieren. Wenn alles nichts hilft, kommt man um Entlassungen nicht herum. Sehr bitter im Einzelfall für die Betroffenen, aber schlicht notwendig, um das Überleben des gesamten Unternehmens zu sichern.

Die Möglichkeiten neue Mittel – Eigen- oder Fremdkapital – von außen dem Unternehmen zuzuführen sind auch in der Krise vielfältig. Sicher gibt es Investoren, deren Fokus sich jetzt auf das bestehende Portfolio verlagert und daher keine Neuinvestments mehr vornehmen. Erfahrene Investoren wissen allerdings, dass gerade in Krisen die besten Unternehmen gegründet werden: Von Microsoft (Ölkrise 1975) über Facebook (geplatzte Internet-Bubble 2004) zu den Unternehmen der Gig-Economy (Finanzkrise 2009). Neben der klassischen Finanzierung stehen mittlerweile auch staatliche Fremd- und Eigenkapitalmöglichkeiten zur Verfügung. Unkonventionell, aber nicht unmöglich ist die Finanzierung durch die eigenen Mitarbeiter: Weniger gemeint ist hier die Stundung oder gar der Verzicht von Löhnen als vielmehr das Investment durch die eigenen Mitarbeiter. So hatte vor vielen Jahren Hybris, immerhin ein Milliardenexit an SAP, in schwierigen Zeiten 2 Millionen Euro von seinen Mitarbeiter*innen geraist.

Wie ist der Ausblick?

Wir wissen mit einer Wahrscheinlichkeit von 100%, dass die Krise vorbei gehen wird. Und wir wissen auch mit Sicherheit, dass es im Anschluss einen erheblichen Boom geben wird. Was wir nicht wissen ist, wie lange die Krise dauern wird: Sind es ein paar Monate, ein Jahr oder sogar noch länger? Entscheidend ist, die Krise zu überleben und gleichzeitig so stark aus der Krise zu kommen, um am darauffolgenden Boom teilhaben zu können. Diese Krise unterscheidet sich von allen, die wir bisher erlebt haben. Noch nie seit dem 2. Weltkrieg gab es einen derartigen gleichzeitigen Angebots- und Nachfrageschock. Daher gibt es keine Erfahrungswerte und Patentrezepte. Cash is King und gutes, das heißt kreatives und unkonventionelles Unternehmertum sind jetzt gefragt.

Die Welt danach wird anders aussehen als die Welt vor der Krise. Wir werden viel mehr Wert auf Resilienz legen. Anstatt den letzten Euro Gewinn herauszuquetschen werden wir Puffer schätzen lernen. Die Naivität der krisenlosen letzten zehn Jahre wird verloren gegangen sein. Wie jede Generation werden auch die unter 35-jährigen gelernt haben, dass es nicht immer nur aufwärts gehen kann. Ersparnisse als Puffer gegen zukünftige Unwägbarkeiten werden eine höhere Bedeutung bekommen als der schicke Cluburlaub. Wir werden eine neue Arbeitswelt erleben, die sehr viel digitaler und sehr viel dezentraler ist. Die ältere Generation wird viel offener für home office Wünsche der jüngeren Generation sein. Die Arbeitswelt wird sich weiter flexibilisieren und damit Familie und Beruf viel vereinbarer machen. Viele Märkte werden sich auf das Vorkrisenniveau erholen, einige nicht: Wir werden viel seltener morgens für ein oder zwei Meetings in den Flieger steigen, sondern stattdessen uns per Videokonferenz austauschen. Das wird nicht nur gut für die Work-Life Balance, die Kostenstruktur der Unternehmen, sondern auch für den gestressten Planeten sein.

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