11.08.2016

#Große€Runden: Wie Startups groß denken und Investoren finden

Diese Millionen-Runden zeigen, was alles möglich ist in Bayerns Startup-Szene: Insights und Learnings von den Gründern von eGym, Tado und Celonis.


Drei junge Münchener Unternehmen haben allein im ersten Halbjahr 2016 insgesamt fast 100 Millionen Euro Kapital für die Wachstumsphase eingesammelt. Das 2010 gegründete Digital-Fitness-Startup eGym gab im März bekannt, dass es eine Serie-C-Finanzierung von über 40 Millionen Euro abschließen konnte. Das 2011 gestartete Smarthome-Startup Tado verkündete im April, dass ein neuer strategischer Investor mit 20 Millionen Euro eingestiegen ist. Im Juni schloss das ebenfalls 2011 gegründete Big Data-Startup Celonis ein Funding von rund 25 Millionen Euro ab – in einer ersten Finanzierungsrunde mit externen Investoren. Solche Meldungen bringen Gründer zum Träumen#Große€Runden

Aber: „Du gehst nicht einfach raus und sammelst 45 Millionen Dollar ein.“, bringt Philipp Roesch-Schlanderer, Mitgründer und CEO von eGym, es auf den Punkt. Dahinter stecken harte Arbeit im Markt, ambitionierte Wachstumspläne und die richtige Ausrichtung von Anfang an. Und der Kapitalmarkt muss auch die richtigen Gelegenheiten bieten. 

Woher kommen die Millionen?

In der Regel investieren mehrere, auch internationale Kapitalgeber in solchen zweistelligen Millionen-Runden. Bei eGym stieg HPE Growth Capital ein, ein VC-Fonds mit Sitz in Amsterdam. In der aktuellen Finanzierungsrunde beteiligte sich auch wieder Highland Europe, der Europa-Arm des US Investors Highland. Dieser hatte 2014 schon rund 11 Millionen Euro investiert. Auch die Alt-Investoren High-Tech Gründerfonds und Bayern Kapital mit dem Wachstumsfonds Bayern gingen in der Runde mit.

Das Kapital für Celonis kommt vom US-Fonds Accel Partners, der vor allem mit seiner facebook-Beteiligung bekannt wurde, und von 83North (ehem. Greylock IL) aus Israel. Tado erhielt die 20 Millionen von Inven Capital, der Beteiligungsfirma des europaweit tätigen Energiekonzerns CEZ-Gruppe. In einer Finanzierungsrunde 2015 hatten Statkraft Ventures, der Fonds des norwegischen Energieriesen Statkraft, sowie die BayBG Bayerische Beteiligungsgesellschaft und Siemens Venture Capital bereits über 15 Millionen Euro investiert.

Das sagen Investoren und Startup-Experten

Investoren, vor allem aus den USA, sehen in Europa noch viele ungenutzte Chancen im Wachstumsmarkt. Als der eGym-Investor Highland 2015 seinen zweiten Europa-Fonds mit 332 Millionen Euro aufsetzte, erklärte Fergal Mullen, Co-Gründer und Partner von Highland Europe, gegenüber der Financial Times: „Die Finanzierungslücke in Europa ist offensichtlich.“ Seiner Einschätzung nach war bis dato in den USA sechsmal mehr Kapital investiert worden als in Europa. Auch das Startup-Portal TechCrunch.com bezeichnete europäische Entrepreneure in einem Artikel über Highland Europe als tendenziell „under-funded“ und „over-syndicated“: Europäische Startups müssten oft nachteilige Shareholder-Strukturen mit zu vielen Investoren und zu kleinen Summen in Kauf nehmen, um Wachstum zu finanzieren.

„Ich finde es ist sehr erfreulich, dass München und Deutschland insgesamt in den letzten Jahren stärker in den Fokus von internationalen Investoren gerückt sind und damit die Wahrscheinlichkeit für solche Millionen-Finanzierungen in den frühen Wachstumsphasen steigt.“, so Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer von BayStartUP. „Die von deutschen und internationalen Investoren erkannte Finanzierungslücke im frühen Wachstumsmarkt kann weiter geschlossen werden. Dafür wurde auch der von Bayern Kapital gemanagte Wachstumsfonds Bayern aufgelegt, der seit 2015 öffentliches Kapital als Co-Investor bereitstellt und den Wachstumsmarkt für private Fonds noch attraktiver macht.“

Wofür brauchen Startups so viel Kapital?

Startups mit exzellenten Voraussetzungen, die jetzt in die Vollen gehen und ihre ambitionierten Wachstumspläne realisieren können – so lässt sich die Dynamik der großen Finanzierungsrunden beschreiben. Die Weiterentwicklung von Technologie und Produkt, der Ausbau des Vertriebs
und die Internationalisierung stehen im Vordergrund. „Es ist sinnvoll, möglichst schnell zu globalisieren.“, betont Dr. Carsten Rudolph. „In der Wachstumsphase müssen Startups ihre Ressourcen stärken und hochqualifizierte Mitarbeiter mit entsprechendem Gehalt anziehen. Zudem sind die Unternehmensanteile signifikanter Größenordnung in der Regel schon verteilt, das heißt, die Bewertung muss weitaus höher ausfallen als in früheren Finanzierungsrunden.“

Tado: Teilweise geht es um Alles oder Nichts. „Organisches Wachstum ist keine Alternative.“, so Tado Mitgründer und Geschäftsführer Christian Deilmann. Denn: „Uns geht es darum, den Markt für intelligente Klimalösungen in Privathaushalten anzuführen. Der Markt ist noch jung und soll bis 2019 allein in Europa auf bis zu 2,2 Milliarden Euro anwachsen [laut Analyse von Frost & Sullivan 2015]. Für uns ist es eine Frage der Zeit, bis alle Haushalte eine intelligente Heizungssteuerung haben werden. Organisches Wachstum wäre in diesem Kontext zu langsam – wir wollen schneller wachsen als der Markt.“ > Interview mit Christian Deilmann von Tado

eGym: Andere Unternehmen sehen mehr Alternativen. eGym will den „Megamarkt Fitness & Gesundheit“ digitalisieren. Dafür hatte das Startup mehrere Finanzierungen, von Business Angels über Fördermittel bis Venture Capital, abgeschlossen und seine Position als innovativer Marktteilnehmer gestärkt. „Es wäre für uns auch möglich gewesen, die Firma jetzt auf Profitabilität auszurichten. Insofern bestand nie eine ‚Gefahr‘ der Unterfinanzierung für eGym. Wir sehen aber so viel Potenzial für gute Investments in unserem Markt, dass wir uns bewusst für die Finanzierungsrunde entschieden haben.“, erklärt Philipp Roesch-Schlanderer. > Interview mit Philipp Roesch-Schlanderer von eGym

Celonis: Einen weiteren Aspekt bringt Celonis-Mitgründer und Geschäftsführer Bastian Nominacher in Spiel. Das Wachstum – wie bisher – aus dem Cash Flow zu finanzieren, sei eine Option gewesen. Aber: „Ein ganz wesentlicher Entscheidungsfaktor war für uns die Expertise und das Netzwerk unserer Investoren. Accel und 83North verfügen über extrem viel Erfahrung damit, erfolgreiche globale Softwareunternehmen aufzubauen und neue Technologiemärkte zu schaffen. Sie wissen, wie man ein Unicorn baut und haben dies schon häufig erfolgreich gezeigt. Wir können daher durch dieses Investment auf ein umfassendes globales Netzwerk an Führungskräften sowie Fach- und Branchenexperten zugreifen und es für das Wachstum von Celonis nutzen. Dadurch können wir noch schneller und zielgerichteter daran arbeiten, unsere Vision in die Tat umzusetzen.“ > Interview mit Bastian Nominacher von Celonis


Alle Interviews mit den Gründern und Tipps für Startups: #Große€Runden

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Bleibt Bayerns Startup-Szene auf Wachstumskurs?

eGym, Tado und Celonis sind herausragende Beispiele – aber nicht die einzigen, die in letzter Zeit hohe ein- oder zweistellige Millionen-Finanzierungen für ein schnelles Wachstum abschließen konnten. Ende 2015 beteiligten sich deutsche und US-Investoren mit 7,5 Mio. Euro am Münchener Startup NavVis und seinen Lösungen für digitales Gebäudemanagement. Das Würzburger Bio-Tech Unternehmen Vasopharm erhielt von deutschen und internationalen Investoren 20 Millionen Euro für eine Phase III-Studie mit seinem Medikamentenkandidaten zur Behandlung von Gehirnverletzungen, wie Anfang des Jahres bekannt wurde. Das Münchener Startup Konux konnte im April 2016 fast 7 Millionen Euro mit seiner Innovation für intelligente Sensorsysteme von einem deutsch/US-amerikanischen Konsortium einsammeln. Eine Finanzierungsunde von 6,4 Millionen Euro schloss die THEVA Dünnschichttechnik GmbH aus dem oberbayerischen Ismaning, Anbieter von Supraleitern zu wettbewerbsfähigen Preisen, im Juli ab. Hier stiegen der Wachstumsfonds Bayern und der deutsche VC-Fonds eCapital ein, seit 2012 sind schon Target Partners aus München und die BayBG beteiligt.

Anlässlich der Theva-Finanzierung betont Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, dass sie in Bayern die Weichen ganz bewusst auf Wachstumskurs stellt: „Mit dem Wachstumsfonds Bayern setzen wir ein deutschlandweit einmaliges Zeichen. Gerade in der Wachstumsphase fehlt es häufig an den erforderlichen Finanzierungsinstrumenten. Diese Lücke schließen wir mit dem Wachstumsfonds und stärken so das Gründerland Bayern. Theva ist eines von insgesamt acht Unternehmen, an dem sich der Wachstumsfonds jetzt beteiligt. Sowohl bei der Zahl der Beteiligungen als auch bei der Hebelwirkung – die bei 7 bis 8 liegt – übertreffen wir unsere eigenen Erwartungen.“


Startup-Finanzierungshilfe von BayStartUP:

Das BayStartUP Investorennetzwerk ist mit über 240 Business Angels und ca. 100 institutionellen Investoren eines der größten in Europa. BayStartUP hilft Startups bei der Vorbereitung und Ansprache der Investoren. 2015 wurden Finanzierung von rund 38 Millionen Seed- und Wachstumskapital für 49 Startups unterstützt. > BayStartUP Finanzierungsnetzwerk

 


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